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Thema: Tutta la vita davanti (2009)
Uncle Ho at the movies

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Tutta la vita davanti (2009) 09.06.2010 16:08 Forum: Kino

Es geht um die Perspektivlosigkeit von Studienabgängern, um prekäre und unsichere Arbeitsverhältnisse mit zeitlich begrenzten Verträgen, um Entrechtung von Arbeitnehmern, um Menschen-degradierende Konzern-Politik, um gesellschaftliche Spaltung, Endsolidarisierung der Menschen und Ellbogen-Mentalität, um entmachtete, aber profilneurotische Gewerkschaften.

Oder kurz: Um die Folgen wirtschaftsliberaler Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die junge Italienerin Marta (großartig, sympathisch, empathisch, geil: Isabella Ragonese), die nach dem geisteswissenschaftlichen Studium auf den harten Boden der Realität fällt, vom Verlust ihrer Ideale und Ziele bedroht ist. Sie endet vorläufig als Tele-Marketerin im Call Center eines Sekten-mäßig aufgebauten Konzerns. Um den Leistungsdruck in diesen autoritären Strukturen zu erfüllen, nutzt Marta sogar ihr im Studium erworbenes Wissen dazu, Menschen am Telefon zu manipulieren und ihnen wertlose Produkte aufzudrängen, um ihr Soll zu erfüllen und ihren wackeligen Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Sie ist also davon bedroht, ihre Seele an den Teufel zu verlieren.

Die Italiener können manchmal verheerende Themen in lockeren, lebensbejahenden Filmen verwurschteln, ohne dass dabei der Ernst und die Tragik der behandelten Themen banalisiert würde.  "La vita è bella" (der immerhin Deutschlands Tötungsmaschinerie als Setting hat) zeigt das deutlich.

Daher wundert einen beim Sehen von "Tutta la vita davanti" nicht, dass hier gesellschaftliche Spaltung und unsichere Lebensverhältnisse als Konsequenz von wirtschaftsliberaler Arbeitsmarkt- und Sozial-Politik auf eine leicht bekömmliche Weise verhandellt werden.

Dabei ist Paolo Virzis Film ist im Grunde genommen ein nicht kategorisierbares Dingsbums bestehend aus märchenhaften Elementen, surrealen Musical-Einlagen, beißender und überdrehter Kapitalismus-Satire, Verflechtungs-Komödie, sozialrealistischen Elementen, überzeichneten Nebenfiguren, melancholischen und tragischen Momenten. Insgesamt ein schöner Film also, der mit seinen tonalen Schwankungen ein leicht verdauliches Ganzes ergibt, was aber nicht auf Kosten der Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Strukturen geht.

Erwähnenswert ist dabei besonders Virzis Inszenierung, die überdrehte Exzentrik mit ruhigen, menschlichen Momenten ausbalanciert, zudem sehr schön und dynamisch mit dem Setting im sterilen, kühl-ästhetischen Call Center umgeht und immer wieder neue Bildkombinationen findet. Recht gekonnt wird das Geschehen auch manchmal aus der Sicht der Protagonistin verfremdend visualisiert, was mal märchenhafte, mal comichaft quirlige Bilder erzeugt. Und generell fällt die agile Kamera auf. Dauernd in Bewegung und so die Rastlosigkeit des modernen Alltags wiederspiegelnd.

Bisweilen wirkt die Erzählstruktur leider etwas unfokussiert und zerfahren: Das bittersüße coming-of-age-late Drama der Protagonistin Marta wird aufgeweicht mit einer Vielzahl an Subplots und Nebenfiguren. Das reduziert die Protagonistin stellenweise auf die Rolle einer Beobachterin und einer Lernenden.

Andererseits bietet das aber die Chance, aus dem subjektiven und eigenwilligen Blickwinkel der jungen Hauptfigur die neoliberale Gesellschaft als tragisch-komischen Zirkus zu entlarven. Zudem ermöglicht der exzessive Einsatz von Subplots und Nebenfiguren, eine breite Palette von Einzelschicksalen abzulichten im heutigen Italien (und darüber hinaus, denn die hier dargestellten Strukturen sind z. B. in der von Marionetten des Kapitals und regierten Bundesrepublik Deutschland auch nicht viel anders).

Dies ist gelungen, wenngleich “Tutta la vita davanti” im letzten Drittel völlig auseinander zu brechen droht aufgrund der zahlreichen verhedderten Handlungsstränge und Nebenfiguren, die sich allesamt Gehör verschaffen. Und das Schwierigkeiten überwindende und positiv in die Zukunft blickende Ende des Films ist zumindest diskutabel. Ändert aber nichts daran, dass der Film eine sehr charmant, herzliche und leicht goutierbare Tragik-Komödie ist, was unter anderem auch an der sehr charismatischen, den Film zusammenhaltenden Hauptdarstellerin Isabella Ragonese liegt.

http://www.imdb.com/title/tt1075114/

Thema: Le concert (2009)
Uncle Ho at the movies

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Le concert (2009) 09.06.2010 16:05 Forum: Kino

Andrei Filipov (Alexei Guskov) war einst gefeierter Dirigent des Bolshoi Orchesters, doch das kommunistische Regime der Breschnew Era hat ihm Berufsverbot erteilt, nachdem er jüdische Musiker spielen lassen hat. Selbst heute noch verdient er seine Brötchen immer noch als einfacher Hausmeister am Theater. Als er beim putzen des Büros des Intendanten ein Fax aus Frankreich abfängt, in dem das Bolshoi Orchester für ein Gastspiel nach Paris eingeladen wird, unterschlägt er diese Nachricht und kommt auf eine idiotische Idee, seine Karriere wiederzubeleben, das von ihm erträumte ultimative Konzert zu geben und sich natürlich an seinen einstigen Peinigern zu rächen:
Er trommelt einen Haufen arbeitsloser bzw. berufsfremd arbeitender Musiker aus der Gewerkschaft zusammen, die sich als Bolshoi Orchester ausgeben und mit ihm als Dirigenten nach Paris fahren sollen. Als Organisatoren und angeblichen Intendanten heuert er schweren Herzens einen verhassten Alt-Kommunisten an, der den ganzen Fake inszenieren soll. Im Film kann jeder noch so absurde Unsinn klappen, also befindet sich die Gruppe durchgeknallter Musiker alsbald tatsächlich in Paris.
Dort will Andrei die Star-Violinistin Anne-Marie Jaquet (grandios: Mélanie Laurent) als Solistin für das geplante Konzert anwerben. Neben künstlerischen hat dies vor allem private Gründe, denn die junge Frau steht in einer Beziehung zu Andrei, von der sie nichts weiß. Nicht nur muss sich Andrei in Paris mit seiner Vergangenheit, seinen eigenen Verfehlungen und seiner Neigung, das Musikalische dem Menschlichen vorzuziehen, auseinandersetzen. Zu allem Überfluss erweisen sich die mitgereisten russischen Musiker als unzuverlässiger Haufen, der lieber Paris unsicher macht als für das Konzert zu proben...
“Le concert” ist erstmal ein sehr schön und elegant photographierter Film. Dann ist er eine wahnsinnige Screwball-Komödie, die immer abstruser wird und meschuggene Elemente auseinander türmt, bis es kracht. Und zuletzt ist er ein gewollt anrührendes Drama. Der Ton bleibt immer leicht, auch wenn Themen wie Antisemitismus, Kommunismus und Vergangenheits-Auseinandersetzung behandelt werden und im letzten Filmdrittel mit neuen dramatischen Enthüllungen angereichert werden.
Arrogante Franzosen; dauerbesoffene, aus der Not erfinderische Russen; habgierige Juden; Mafia-Schießereien auf Moskauer Hochzeiten; ein Maestro, der in der Musik “ultimative Harmonie” anstrebt, im sozialen Umgang jedoch ungeschickt und alles andere als harmonisch ist; ein Magnat, der droht, Westeuropa das Gas abzudrehen; Unmut über den beschissenen französischen Vodka. Klischees und Vorurteile werden in dieser culture clash Komödie also reichlich bedient. Doch geschieht dies nicht auf insultierende, sondern augenzwinkernde und warmherzige Weise.
Man fragt sich, warum der Film nach einem meschuggenen Auftakt in der Mitte leicht schwächelt. Werden hier einfach zu viele abstruse komödiantische Elemente auf einander gestapelt? Oder waren die Produzenten nicht mutig, nicht radikal genug und hätten noch stärker auf die Kacke hauen und noch absurder sein sollen? Schwer zu sagen.
Dafür entschädigen aber locker die bereits erwähnte elegante Photographie sowie vor allem die sehr liebevoll angelegten diversen Haupt- und Nebenfiguren. Und den tragisch dramatischen Teilen des Films kann man einen anheimelnden Charakter nicht absprechen. Am besten ist aber Mélanie Laurent, die immer, wenn sie in Erscheinung tritt, die Szene mühelos und ohne sichtbare Anstrengung völlig an sich reißt. Um Klassen besser als ihre ebenfalls ordentliche Leistung in “Inglorious Basterds”.
Das Highlight des Films ist aber natürlich das titelgebende Konzert am Ende des Films. Eine grandiose, ausgedehnte Sequenz, in der Dirigent und Violinistin sich durch die Kraft der Musik wortlos verstehen und die junge Frau ihre Herkunft zu begreifen beginnt. Der Film erreicht hier einen beachtlichen emotionalen Effekt und begibt sich auf drei Zeitebenen gleichzeitig: Superb montiert sind die Bilder des eigentlichen Konzerts in der Gegenwart, enthüllende Rückblenden in die schockierende Vergangenheit, Zukunftsvisionen der glücklich vereinten Figuren. Alles wortlos und zu den Klängen von Tschaikowsky. Die Konzert-Sequenz ist Kino pur und somit das Highlight von “le concert”.

http://www.imdb.com/title/tt1320082/

Thema: Einayim Petukhoth (Eyes Wide Open) (2009)
Uncle Ho at the movies

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Einayim Petukhoth (Eyes Wide Open) (2009) 09.06.2010 15:59 Forum: Kino

Der orthodoxe Jude Aaron erbt die Fleischerei seines Vaters in einem Stadtviertel Jerusalems, in dem offenbar ausschließlich orthodoxe Juden leben. Die NachbArs­chaft gleicht einem lebendem Überwachungssystem: Jeder beobachtet jeden, jeder achtet penibel auf die Einhaltung der ehtischen Regeln der Religion. Verstöße werden geächtet. Der Film kreiert auf brillante Weise eine erdrückende Atmosphäre der allgegenwärtigen Beobachtung sowie der persönlichen Unfreiheit des Einzelnen innerhalb dieser Gesellschaft.

Als der Familienvater Aaron einem im Leben verirrten jungen Mann, Ezri, Unterkunft und Arbeit in seiner Fleischerei gewährt, wird schnell deutlich, dass die beiden Männer Gefühle füreinander entwickeln. Aaron versucht diese krampfhaft zu unterdrücken, weil er sich als offenbar tief gläubiger Mensch den Grundsätzen seiner Religion und den Regeln seiner Gemeinde verpflichtet fühlt. Er sieht den Glauben als harten, steinigen Weg, der viel Disziplin und Unterdrückung von persönlichen Gelüsten verlange. Als er irgendwann dennoch nicht anders kann als mit Ezri eine heimliche Liebesbeziehung einzugehen und seiner Lust nachzugeben, spricht sich das in der allsehenden NachbArs­chaft schnell herum und die beiden Männer werden das Ziel von gesellschaftlichen Repressionen, aggressiven Mobs und einem Boykott der Fleischerei.

Nichtsdestotrotz: Beachtlich an "Eyes Wide Open" ist, dass hier keine einseitige Anprangerung religiösen Fanatismus betrieben wird. Es ist kein wirklicher Kritik-Film, sondern eher ein Konflikt-Film:
Der Protagonist Aaron trägt einen schmerzhaften inneren Konflikt zwischen seiner Religion und seinen Gefühlen für Ezri aus. Beides bedeutet ihm viel. Aber Beides kann er nicht miteinander verbinden, weil Zweites durch die Grundsätze von Erstem ausgeschlossen ist. Diese deprimierende Erknenntnis der Unvereinbarkeit und des Zwangs, sich zwischen den beiden Dingen entscheiden zu müssen, ist das eigentliche Kernstück des Films.

In einem kleinen Nebenstrang wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der eine Frau liebt, die aber in einer von der Gemeinde arrangierten Hochzeit einen anderen Mann heiraten muss. So wird der junge Liebhaber (der zu allem Überfluss einen streng verbotenen Fernseher in seinem Kleiderschrank versteckt hält) mit Gewalt daran gehindert, seine Angebetete weiter zu sehen. Immer wieder zeigt "Eyes Wide Open" krassen Eingriff der Gemeinschaft in die Privatsphäre des Einzelnen, was mit der Einhaltung religiöser Grundsätze gerechtfertigt wird.

Ganz famos ist natürlich die Inszenierung. Konstante gedrückte Stimmung. Sehr strenge, kalte Bilder, die sich sofort einprägen. Die karge Fleischerei. Das Gehen durch die engen, gefängnisartigen Gassen des Stadtviertels. Schwarzgekleidete Männer, die den Weg versperren. Nicht mal auf der Dachterrasse ist man unbeobachtet; gegenüber geht eine Fensterlade auf. Die Kälte und Stenge des Films schafft eine beklemmende, fast schon horrorhafte Stimmung. Zudem frage ich mich, ob gewisse Bilder (wie das Baden im See) vielleicht eine religiöse Symbolik besitzen, aber da ich mit Religion egal welcher Art gar nichts am Hut habe, kann ich darüber nur spekulieren.

Herausragend ist Zohar Shtrauss in der Rolle des Aaron, der mit gleichsam intensivem wie subtilen Minenspiel das Innere seiner Figur präzise und nachfühlbar darstellt. Nett hingegen Tinkerbell in der Rolle der betrogenen Ehefrau, die hier sehr an Scarlett Johansson in "Girl with a pearl earring" erinnert, was sehr sympathisch ist.

Summa Summarum kein angenehmer, aber ein beachtlicher Film, der seine Thematik und zentrale Fragestellung klug herausarbeitet und inszenatorisch sehr eindrücklich umsetzt.




http://www.imdb.com/title/tt1424327/

Thema: Unmade Beds (2009)
Uncle Ho at the movies

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Unmade Beds (2009) 09.06.2010 15:56 Forum: Kino

Ist ein kleiner Triumph, trotz Schwächen. Phantastisch bebildert. Effektiver Musikeinsatz. Reich an gelungen Regie- und Drehbuch-Ideen. Offenbar grenzenlose Kreativität in der Schaffung von mal skurrilen, mal chaotischen, mal surreaken, mal poetischen, mal anrührenden, mal verträumten Momenten. Der argentinische Regisseur dieses französisch-spanisch-britischen Films, Alexis Dos Santos, versteht es trotz geringem Budgets und schäbigen Setting, etwas absolut Magisches und Einnehmendes auf die Leinwand zu bringen. Wie er szenenabhängig immer wieder eine neue Atmosphäre/Stimmung aufbaut, welche die jeweilige Gefühlslage einer Figur spiegelt und für den Zuschauer erlebbar macht, ist schon prima gelungen. Und wie dieser preiswert produzierte Film ständig absolut beeindruckende Bilder- und Klangwelten aus dem Hut zaubert, ist beeindruckend. Stark absorbierender, fast schon hypnotisierender Film.

Der Inhalt der kreisförmig Erzählung an sich überzeugt zwar nicht durchgängig. Da sind massive Schwächen. Doch ist es die Verbindung von Form und Inhalt, die "Unmade Beds" sehenswert macht. Vereinfacht gesagt geht es um kurzlebige Begegnungen von orientierungslosen und suchenden jungen Menschen in der grenzenlosen EU. Der Spanier Axl (Fernando Tielve) trampt nach England, um seinen leiblichen Vater ausfindig zu machen. Er ist irgendwo ein Heimatloser, der jede Nacht in anderen fremden Betten schläft, zudem keine wirkliche Orientierung, keine Ziele im Leben zu haben scheint. In London angekommen landet er schließlich in einer Hausbesetzer(?)-Wohngemeinschaft junger Künstler und Aussteiger, wo er sich dem exzessiven, ausgelassenen Leben und unverbindlichem Sex und Hirnzudröhnung hingibt. Cool ist, dass der Film das Leben in dieser heruntergekommenen WG als positiv darstellt, als Zufluchtsort, der jeden Fremden mit offenen Armen aufnimmt.

Ebenfalls nach London getingelt ist die junge Französin Vera (Déborah François -- in ihrer bisher beeindruckendsten Rolle, yeah!!), die sich nach einer gescheiterten Beziehung emotional abschirmt und nur oberflächige Bindungen zu anderen Menschen eingeht, ihre Brötchen mit nem miesen Job in ner Buchhandlung verdient und generell ziemlich orientierungs- und ziellos durchs Leben dreht wie der Spanier Axl.

Der Film ist so strukturiert, dass die beiden Figuren umkreist werden. Oftmals berühren sich die beiden Handlungsstränge, jedoch ohne dass die beiden Figuren aufeinander aufmerksam werden. Erst gegen Ende treffen sie aufeinander in einer absolut famosen Sequenz, die völlig unwirklich und wunderschön zugleich wirkt (und psychedelisch "Donny Darko" reminisziert). Wer aber meint, da bahne sich eine Liebesgeschichte und ein Happy End an, der irrt.

Sicher, was über die Befindlichkeiten der Jugend und über die Anonymität der modernen Welt erzählt wird, ist nicht neu. Zudem hat der Film bisweilen arge strukturelle Schwächen (der Subplot mit dem leiblichen Vater ist ja mal völlig fürn Ars­ch). Nichtsdestotrotz ist "Unmade Beds" ein absolut sehenswerter, experimentierfreudiger und phantastisch gestalteter Film voller menschlich ansprechender Momente einerseits und magischer Momente andererseits. Kreativ inszeniert und photographiert, atmosphärisch absolut packend.


http://www.imdb.com/title/tt0997263/

Thema: "La Nana" (2009)
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"La Nana" (2009) 09.06.2010 15:52 Forum: Kino

Zum Großteil ist das Geschehen auf einen einzigen Handlungsort, nämlich auf ein kleines chilenisches Familienanwesen, beschränkt. Auch stilistisch ist der Film sehr reduziert: Handkameras beobachten das Tun der Figuren; inszenatorische Mätzchen gibt es nicht. Gleichwohl aber wurde darauf geachtet, dass das Ergebnis trotz Handkameras nicht pseudo-dokumentarisch oder hektisch aussieht, sondern fließend und in den Schnitten möglichst unauffällig (selbst die verwendeten Jump Cuts sind nur zu erkennen, wenn man sehr achtsam ist, weil sie die Gehen der Figuren durch die Flure des Hauses jeweils nur minimal abkürzen). Ziel ist wohl, dass der Zuschauer sich gänzlich auf Figuren und Handlung konzentriert und die Mechanik dahinter möglichst nicht wahrnimmt.


Im Mittelpunkt steht die Haushälterin Raquel, die schon seit Jahrzehnten im Haus der Eheleute Pilar und Mundo arbeitet und lebt. Soziale Kontakte außerhalb ihrer Arbeitgeber-Familie hat sie keine. Ihre ganze Welt dreht sich ausschließlich um diese Familie. Schnell wird deutlich, dass die Familie Raquel viel mehr bedeutet als Raquel der Familie bedeutet (mag daran liegen, dass die grimmige, verschlossene und sozial unbedarfte Haushälterin ihre Empfindungen nicht kommunizieren kann). Bei jedem Konflikt mit den Mitgliedern ihrer Arbeitgeber-Familie sieht Raquel ihre Stellung und ihre Existenz bedroht. Und beim Blick auf die knackige Tochter des Hauses bekommt die ausgepowerte und schon früh an Alterserscheinungen leidende Raquel das Gefühl, ihr Leben weggeworfen zu haben. Die knackige Tochter neidet sie. Als die Mutter des Hauses die Überforderung und seelische Instabilität der Haushälterin und deren Konflikte mit der Tochter bemerkt, interpretiert sie das falsch und engagiert eine zweite Haushälterin, die Raquel entlasten soll. Raquel fühlt sich und ihre Stellung dadurch noch mehr bedroht und liefert sich mit ihrer neuen Kollegin, der zweiten Haushälterin, krasse Territorialkämpfe. Als diese wegläuft und wieder eine Neue eingestellt wird, bekriegt Raquel auch diese....


Das Gelungene an "La Nana" ist erstmal die Darstellung der Dynamik zwischen Haushälterin und Familie. Es ist durchaus interessant, die ganzen Wechselwirkungen zu beobachten und wie Raquel mit den einzelnen Mitgliedern der Familie umgeht und wie diese mit ihr umgehen und welche Unterschiede es in der gegenseitigen Wahrnehmung einzelner Figuren gibt. Ferner ist lustig, dass Raquel die Familie besser kennt als die Familie sie. Das gibt ihr eine gewisse Macht. Sie kennt alle Geheimnisse. Sie kann dezent manipulieren und lenken. Aber das hat seine Grenzen und ihr Handlungsspielraum ist begrenzt, und wäre Raquel nicht so verschlossen und sozial inkompetent, könnte sie Angelegenheiten besser zu ihren Gunsten regeln.

Bemerkenswert ist, dass sich die Produzenten entscheiden haben, aus der eben beschriebenen Geschichte keinen astreinen Intrigen-Thriller zu machen, sondern die Geschichte benutzen für ein Charakter-Porträt. Und das Charakter-Drama, oder sagen wir: die inneren Konflikte der Protagonistin, bilden ganz klar das Zentrum des Films. Und so ist "La Nana" in erster Linie die Sezierung des Innenlebens einer desillusioniertern und unglücklichen Frau, die ihr Leben in eine Sackgasse gelenkt, weil sie sich auf eine Sache versteift hat. Dennoch gibt es auch reichlich grotesken Humor, der das Kunststück schafft, nie deplatziert zu wirken.

Nicht gelungen ist aber Raquels "Katharsis" im letzten Drittel mithilfe ihrer neuen Kollegin Lucy, welche Raquel lehrt, dass es Leben und Emotion außerhalb der Grundstücksmauer gibt. Raquels Aufblühen ist dabei so penibel nach dem kleinen Drama-1x1 konzipiert, dass es stört. Charakter-Entwicklung "wie es sich gehört" und wie sie in diversen Dramen seit anno dazumal betrieben wird. Da hätte ich mir gewünscht, dass der Film eine andere Richtung einschlägt anstatt irgendwann in so einer althergebrachten Selbstfindungsgeschichte mit (surprise, surprise) anschließender nochmaliger Enttäuschung zu münden.

Abgesehen davon ist "La Nana" aber ein absolut sehenswerter und interessanter Film.


http://www.imdb.com/title/tt1187044/

Thema: Alice im Wunderland 3D
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09.06.2010 15:49 Forum: Kino

Chris,

Deine Meinung in allen Ehren. Aber ich finde, man sieht hier deutlich, dass der Disney-Konzern Tim Burton viel reingedrückt hat. Im Gegensatz zu anderen mir bekannten Burton-Filmen ist "Alice" für mein Empfinden auf visueller Ebene völlig überladen; mehr als dem Film gut tut.

Mit kleineren Budgets machte Burton wesentlich phantasievollere Filme als beim überfinanzierten und daher maßlos überladenen "Alice".

So sehe ich das jedenfalls.

Was 2D / 3D angeht: Ich musste den Film leider in 3D sehen, weil er bei uns nur so gezeigt wurde. Und ja, man sieht, dass das kein echter 3D-Film ist. Sieht richtig k***e aus.

Thema: Der "Welchen Film gucke ich heute"-Thread
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15.05.2010 01:29 Forum: Café Casablanca

Zitat:
Original von Laukel
3D-Kino:

Drachenzähmen leicht gemacht (2010)

Anständige Unterhaltung mit einer vorhersehbaren Story.

7/10

PS.: Es ist einfach unglaublich, was man im 3D-Kino (UCI-Bochum) für 10,00 EUR geboten bekommt: Durchgelatschte Stühle, die an mittelalterliche Folterbänke gemahnen und zerkratzte 3D-Brillen. Hoffentlich gibt es bald anständige 3D-Beamer für zu Hause.



Ich lebe zwar in einer größeren Stadt als Bochum, aber 3D-Kino kostet bei mir weniger als 10 Euro (Cinemaxx). Und jeder Zuschauer bekommt eine nagelneue 3D-Brille, die eingeschweißt ist. Nach der Vorstellung kann man die Brille mit nachhause nehmen oder in den Müll werfen. Als Partei-Mitglied der Grünen finde ich Einweg-Plastikbrillen zwar nicht gut, aber immerhin sind sie nicht zerkratzt und sauber, weil neu..
Ich würde vorschlagen, Du suchst Dir einfach ein anderes Kino?

Mit den Sitzen ist das allerdings so eine Sache... Nicht nur in Kinos, auch in Theatern. Bei uns im Stadttheater musste man bis vor kurzem auf 30 Jahren alten (!!) Sesseln sitzen, bei denen der Überzug so weit abgetragen war, dass man die Füllung der Sitze sah. Grausam. So schlimm wird es bei Dir im Kino nicht sein, oder?



Bart Beckett,

ich gebe Dir Recht, dass die erste Hälfte von "Up in the Air" wesentlich besser ist als die triviale zweite Hälfte.

----

Wo ich schon mal hier bin:

"Nightmare on Elm Street 2010": inszenatorische Fehlleistung. Bäh.

Thema: Kick-Ass (2010)
Uncle Ho at the movies

Antworten: 3
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14.05.2010 19:54 Forum: Kino

Das kommt davon, wenn man seine Texte nach dem Schreiben nicht Korrektur liest...

Satire war natürlich eine falsche Wortwahl meinerseits. Danke für den Hinweis. Ich hätte anstatt dessen Parodie schreiben sollen. Oder noch genauer, dass in der ersten Filmhälfte bestimmte Konventionen des Superhelden-Films parodiert werden.


Ich denke aber nicht, dass die Frage, die sich der Protag stellt, der Kern des Films ist. Für mich zumindest nicht.

Thema: Les herbes folles (2009)
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Les herbes folles (2009) 08.05.2010 11:25 Forum: Kino

Es geht um den Gegensatz von Vorstellung/Wunsch und Realität, um enttäuschte Erwartungen, um das trügerische Bild, das man sich von einem anderen Menschen im Kopf macht, um Gefühlschaos, um Sehnsucht, um Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Und über allem hängt ein exzessiver Off-Kommentar, der gleichzeitig die infantile Hibbeligkeit eines Dreikäsehochs und die Weisheit eines alten Mannes besitzt. Wie der Film auch sonst von tonalen Gegensätzen durchzogen ist, die aber prima miteinander harmonieren. Mehrmals wird die Stimmung schneller gekippt als man es mitbekommt. Was eben noch eine absurde Komödie war, ist nun ein schwermütiges, elegisches Drama. Und umgekehrt. Trotzdem wirkt der Film wie aus einem Guss, was schon fast wie ein kleines Kunststück wirkt.

Beachtlich ist, dass sich die Gefühle und Konfusionen der Figuren nicht nur in ihrem oft widersinnig groteskem Handeln und den clever subtilen Dialogen widerspiegeln, welche die wahren Absichten des Sprechers oft verbergen. Vor allem jedoch fungiert die Inszenierung als Spiegelbild der Psychologie der Figuren. Mit Kamerabewegungen, Ton- und Farbgestaltung werden ihre Befindlichkeiten präzise gezeichnet. Bei "Les Herbes Folles" spielen Form und Inhalt angenehm zusammen. Wie es bei Film halt sein sollte, aber nicht immer der Fall ist.

Ein mal albernes, mal trauriges Werk, das überaus ästhetisch ist und eine fast schon verträumte Atmosphäre, bei den nächtlichen Szenen vor dem Kino sogar eine große Magie entwickelt. Zu sehen und zu erleben gibt es einiges im toll gestalteten "Les Herbes Folles". Man sieht: hier waren Könner am Werk. Und sie haben einen sehr charmanten, warmherzigen Film hin bekommen, der sich trotz gewisser Traurigkeit und Ernsthaftigkeit seines Sujets eine gewisse Leichtigkeit und Magie bewahrt.


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Thema: Doghouse (2009)
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Doghouse (2009) 08.05.2010 11:22 Forum: Kino

Vince macht gerade eine schwere Scheidung durch. Seine Kumpels (von denen die meisten ziemlich angespannte Beziehungen zu ihren Frauen, oder zu Frauen generell, haben) überreden ihn daher zu einem Wochenend-Ausflug nach einem abgelegenen Dorf, wo das Frauen-Männer-Verhältnis der Bewohner angeblich vorteilhaft sei. Als die Mannen dort ankommen, stellen sie fest, dass die Dorf-Frauen von einem Virus infiziert wurden, zu Zombie-artigen Wesen mutiert sind und alle Dorf-Männer nicht nur getötet, sondern auch gefressen haben. Für Vince und seine Kumpels beginnt der Überlebenskampf; es darf gesplattert und gegoret werden....


Während des Sehens dieser britischen Komödie habe ich bemängelt, mit welcher Offensichtlichkeit hier Gender-bezogene Themen behandelt werden. Nach der Filmbetrachtung musste ich allerdings feststellen, dass auf rottentomatoes.com dem Film unisono Sexismus und blanke Misogynie vorgeworfen wird. Offenbar übersehen die meisten, dass diese Testosteron-geladene Komödie über Kerle und für Kerle ansatzweise subversiv ist, da sie ständig Seitenhiebe gegen das Selbstverständnis der männlichen Protagonisten und gegen ihr Frauenbild bringt und zudem auf ironische Weise gesellschaftliche Geschlechterrollen-Verteilung behandelt.

Aber das alles sei nur nebenbei erwähnt, denn ich fand das alles wie gesagt nicht clever und stark genug. Dies soll nicht heißen, dass "Doghouse" nicht unterhaltsam wäre. Manche Dialoge sind zum Schießen komisch. Der Humor zündet oft, leider aber nicht immer. Zudem erdenken Drehbuch und Regie immer wieder gelungene und total abgefahrene Situationen; manche Szenen zeugen durchaus von viel Kreativität und Ideenreichtum, und ich werde mich sicherlich länger an sie erinnern. Im Großen und Ganzen bleibt aber ein recht unrunder Eindruck von "Doghouse" zurück. Der Film ist kurzweilig und komisch, hat aber überall kleinere und größere Schwächen und zählt für mich nicht zur Oberliga der "Zombie-Horror-Komödien", oder wie man das Genre auch immer betiteln möchte.

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Thema: Cop Out (2010)
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Cop Out (2010) 08.05.2010 11:20 Forum: Kino

Wenn Bruce Willis und Tracey Jordan aus “30 Rock” zusammen eine Komödie für Erwachsene über zwei Gesetzeshüter drehen, freut man sich freilich darauf.

Der im Heute spielende “Cop Out” gemahnt oft an das Action-Kino der 80er Jahre, insbesondere an Polizisten-Buddy-Actionkomödien. Es wird munter zitiert, und auch der nostalgische Einsatz von Synthezizer-Filmmusik darf nicht fehlen.

Was aber fehlt, ist Charme. Und allem Reminiszieren zum Trotz atmet der Film nicht etwa den Geist von 80er Jahre-Actionfilmen. Nein, er atmet den Geist von BAD BOYS 2 (!) ...und bewegt sich ziemlich exakt auf dessen geistigem Niveau.

Ich bin dann auch nach der Hälfte gegangen, denn ich fand das alles geschmacklos und maßlos, unlustig & uncool, und ich sah bloß eine durch rüde Überladung kompensierte Ideenlosigkeit. Wie eine niedrig budgetierte Ausgabe von "Bad Boys 2", eben. Manche der anderen Zuschauer hingegen fanden “Cop Out” recht lustig.

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Thema: Kick-Ass (2010)
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Kick-Ass (2010) 08.05.2010 11:18 Forum: Kino

In diesem großartig photographierten und geschnittenen Film hat man bisweilen das Gefühl, ein Comicheft zu betrachten. So beispielsweise, als der an einen Stuhl gefesselte Protag im Scheinwerferlicht von mehreren Thugs verprügelt und gefoltert wird. Ein extrem schnelles Schnitt-Staccato, dass die Schläge und Gesichtsverzerrungen fast wie eine Reihe von Einzelbildern erscheinen lässt. Fast als würde man mit dem Auge schnell über die Bilder eines Comichefts gleiten, oder besser noch: als würde man ein Daumenkino sehen.

In der übernächsten Szene wird gestalterisch noch eins drauf gelegt: Zur Befreiung des Protags stellt Hit Girl den Strom ab und bewegt sich mithilfe eines Blitzlichts durch die Lagerhalle, was die Thugs desorientiert. Wegen des stroboskopierenden Blitzlichtes sehen wir eine schnelle Abfolge von schwarzer Leinwand und krass heller, gar blendender Einzelbilder, während die Thugs gekillt werden. Nicht nur erweckt das den Anschein der Statik eines Comicheftes. Vor allem arbeitet der Film hier geschickt mit Auslassungen und lässt den Zuschauer glauben, mehr zu sehen als eigentlich gezeigt wird und animiert ihn dazu, Fehlendes einfach im Kopf zu ergänzen.

So wird die brutale Lagerhaus-Befreiungsszene zur besten Action-Szene, die in letzter Zeit irgendwo zu sehen war. Mit reduzierten Mitteln und offensichtlich wenig Budget wurde hier etwas Eindringliches geschaffen, das Michael Bay, Donald Emmerich & Co. trotz der exorbitanten Bugdets ihrer Spektakel-Blockbuster niemals hinkriegen würden. Damit rückt "Kick-Ass" angenehm die Verhältnisse gerade: Weniger ist manchmal mehr; es kommt auf Talent und Kreativität an.

Blöd ist allerdings, dass "Kick-Ass" eben das nicht durchgängig einhalten kann. So gibt es einige Szenen, in denen zu viel fürs geringe Budget gewollt wurde. Beispielsweise der Abschuss per Bazooka und die anschließende Explosition am Hochhaus sehen kacke aus. Im Gegensatz zur oben erwähnten Lagerhausszene verließ die Macher hier völlig der Ideen- und Erfindungsreichtum, mit limitierten finanziellen Mittel atemberaubende Bilderwelten zu erschaffen. Insgesamt gesehen also ein leicht unrunder Film, in dem sich brillante Szenen mit prätentiösen "Ich wäre gerne ein großer Blockbuster"-Sequenzen ablösen.

Solche kleineren Ecken und Kanten sollte man aber nicht überbewerten. Schließlich ist "Kick-Ass" im Großen und Ganzen sehr gut inszeniert. Er überzeugt immer wieder durch beachtliche Bildfolgen, gute Farb- und Set-Gestaltung und vor allem durch präzises Timing und eine Handlungs-Struktur, die trotz kleinerer Holprigkeiten sehr flüssig, abwechslungsreich und daher kurzweilig ist.

Auf inhaltlicher Ebene wird viel mit Konventionen und Klischees gespielt. Das nimmt teilweise groteske Züge an: In der ersten Hälfte werden einerseits gängige Superhelden-Klischees geschickt vermieden, teilweise auch karikiert (unter anderem in dem sich ein kraftloser und untalentierter Teenage-Nerd selbst zum Helden stilisiert, was freilich darin resultiert, dass er dauernd auf die Fresse kriegt und erkennen muss, dass seine Hormon-gesteuerten Phantasien nur schwerlich mit der Realität in Einklang zu bringen sind). Auf der anderen Seite jedoch geniert sich "Kick-Ass" nicht, mit abgestandenen Konventionen des Highschool- und Teenager-Films zu arbeiten und ein maues Klischee ans andere zu reihen.

In der zweiten Hälfte des Films werden dann sogar die gelungenen Comic- und Superhelden-Satiren über Board geworfen und eine für Comic-Verfilmungen prototypische Rache-Geschichte dargeboten.

Einigermaßen unterhaltsam ist das alles dennoch. Neben der schon erwähnten flotten Inszenierung spielen hier besonders die lustigen Dialoge eine Rolle sowie der Umstand, dass (seis verbal oder visuell) munter aus anderen bekannten Comic-Verfilmungen zitiert wird ...und zwar kritisch bzw. satirisch, weil die Zitate hinterfragt werden (beispielsweise beim pathetischen "with great power comes great responsibility" aus Spider-Man).

Besonders jedoch weiß der Umgang mit Gewalt und das Spiel mit unserer Wahrnehmung von Gewalt zu überzeugen. Manche der brutalen Szenen werden in bester "Kill Bill"-Manier aufgezogen. Andere Gewaltszenen sind von krasser Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit geprägt. "Kick-Ass" erlaubt sich ferner den Spaß, lustige Gewaltexzesse plötzlich ins Tragische zu kippen. Und andersrum: Tragische Szenen werden manchmal plötzlich in Komik aufgelöst. Das ist alles schon recht gelungen und clever, weil man nie weiß, auf was man sich gerade einstellen muss.

Neben solchen Doppelbödigkeiten ist der Film an anderen Stellen aber sehr plump. Besonders, wenn moralin-saure gesellschaftskritische Töne über Zivilcourage aufgesagt werden. Ich soll mein Mobiltelefon nicht dazu nutzen, Straftaten zu filmen uns ins Netz zu stellen, sondern dazu, die Polizei anzurufen? Echt jetzt? Hui. Die Szene ist ja schon dermaßen peinlich, dass sie wieder lustig ist.

Besser zu gefallen weiß die Darstellung der Möglichkeiten, Gefahren und der Macht des Internets. Auch wenn hier nichts Neues vermittelt wird, ist beispielsweise jene Szene zum Schießen lustig, wo ein Fernsehsender Folter-Bilder zensiert, worauf hin alle Zuschauer zu ihren Laptops laufen, um sich das im Internet anzusehen. Leider bleibt "Kick-Ass" beim Thema "multimediales Zeitalter" insgesamt aber sehr banal, und er sieht beispielsweise die Gefahren des Internets an völlig falscher Stelle, anstatt bei Daten-sammelnden Großkonzernen und Exekutiven wie der deutschen Bundesregierung.

Im Großen und Ganzen ist "Kick-Ass" ein gelungener und kurzweiliger, wenn auch oft unrunder Film. Macht irgendwo Laune, aber die euphorischen Stimmen von Presse und Zuschauern sind nicht wirklich gerechtfertigt.

P.S.:

Erwähnen sollte man noch Nic Cage, dessen Figur die Vergangenheit durch das Zeichnen von Comic-Strips verarbeitet, was in einer Szene vom Film geschickt eingesetzt wird.


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Thema: La mujer sin cabeza (2008)
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La mujer sin cabeza (2008) 08.05.2010 11:11 Forum: Kino

Eine sehr lustige, in Erzählaufbau und Verlauf unorthodoxe Komödie, die unter dem bierernsten Deckmäntelchen eines Arthouse-Dramas daher kommt. Im Mittelpunkt eine Frau aus der oberen Mittelschicht. Nach einem von ihr verursachten Verkehrsunfall mit Fahrerflucht fällt sie in ein tiefes seelisches Loch. Sie wird depressiv, apathisch, fast kommunikationsunfähig. Sie kann ihr Leben eigentlich nicht mehr meistern. Doch ihr Leben funktioniert dennoch weiter. Einfach deshalb, weil Andere alles für sie machen und sie sich um nichts auf der Welt kümmern muss. Nicht mal um ihre eigene Schuld, denn schließlich haben Andere (vermutlich Familie oder Dienstboten) jegliche Beweise stillschweigend vernichtet, bis hin zur Entwendung von Röntgenbildern aus dem Krankenhaus, und selbst das ramponierte Auto steht plötzlich im niegelnagelneuen Zustand in der Garage. Das sind halt die Vorzüge von Reichtum. Als die Protagonistin dies erkennt, setzen bei ihr alsbald Mechanismen der Schuld-Verdrängung ein und sie geht zum Alltag über. Alles ist so wie am Anfang. Man hat sich nicht entwickelt, man hat nichts dazu gelernt. Am Ende färbt man sich die Haare anders und geht auf ein Fest.

Das Bemerkenswerte ist, dass die Protagonistin bloß eine Nebenrolle in ihrem Film, und in ihrem Leben spielt. Meist sitzt sie völlig apathisch irgendwo im Bild herum, während die Kamera eher daran interessiert zu sein scheint, was um sie herum passiert. Familie. Freunde, die ebenfalls wohlhabend sind. Dann Dienstboten. Einfache Arbeiter. Ureinwohner. Einwanderer. Im Laufe des Films wird eine Art Bevölkerungsquerschnitt eines von starkem sozialen Ungleichgewichts geplagten Landes gebildet.

"La mujer sin cabeza" ist im ersten Moment ein schwieriger und wenig zugänglicher Film. Der Szenenaufbau erscheint sehr zäh. Und die Abfolge der Szenen wirkt wenig organisch. Zudem passiert vieles im Verborgenen, ist für den Zuschauer nicht leicht erkenntlich.

Erst nach der Filmbetrachtung, wenn man alles Gesehene reflektiert hat und sich dann noch einige Szenen ein zweites Mal angesehen hat, erkennt man die Lustigkeit des Ganzen, und die Kritik an der Klassengesellschaft.


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Thema: Cracks (2009)
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Cracks (2009) 08.05.2010 11:09 Forum: Kino

Erstmal: Eva Green spielt mit. Also ist der Film sehenswert. Zweitens: Eva Green spielt eine Hauptrolle. Also ist der Film gut. Drittens: Eva Green spielt eine exaltiert und lebensfroh agierende, sehr beliebte Internats-Lehrerin, die im Verborgenen aber psychisch krank ist und nur im abgeschotteten Kosmos des Internats bei den jungen Mädchen als Vorbild gilt, während sie draußen in der “echten Welt” des Vorkriegs-England gar nicht bestehen könnte, gar nicht überlebensfähig wäre. Dies will sie sich aber nicht eingestehen und belügt sich und ihr Umfeld zwanghaft mit Geschichten ihrer angeblichen Globetrotter-Vergangenheit. Ihre unerfüllbaren Sehnsüchte projiziert sie alsbald auf eine neue Internats-Schülerin, was absolut wahnsinnige und verheerende Züge annimmt. Eva Green als psychisch instabiles Energiebündel mit homoerotischen Neigungen? Also ist der Film phänomenal! Mit Eva Green würde ich gerne harte Drogen nehmen und um die Häuser ziehen. Denn die Frau ist der absolute Hammer. Gibt es irgendwo eine Schauspielerin mit krasserer Ausstrahlung? Sie müsste vermutlich nur einen ihrer alles durchdringenden Blicke aufsetzen, um ganze Taliban-Horden zu paralysieren.


Eine kleine Überraschung hingegen ist die junge Spanierin María Valderde. Sie hat so eine anmutige und ruhige, sehr mysteriöse und reife Aura, dass es absolut glaubhaft erscheint wie die von ihr gespielte neue Internats-Schülerin die bestehende Hierarchy und Gruppendynamik des Internats ins Wanken und nolens volens desaströse Ereignisse ins Rollen bringt.

Regisseurin Jordan Scott (tatsächlich: aus dem Klan von Tony und Ridley Scott) hat hier einen überaus beachtlichen Film gemacht, der zwar nichts Neues oder Wichtiges erzählt, aber gut ausbalanciert ist zwischen Thriller und Drama. Es geht um Sehnsüchte, Eifersucht, Profilneurosen, Obsession und Freiheitsdrang. Die Psychologie der Figuren wird nur insoweit behandelt wie nötig; ausbremsende Elemente in Form von bildungsbürgerlichem Schwurbel wurden glücklicherweise vermieden. Mag mancher Dialog auch zu offensichtlich sein. Mag die Struktur des Ganzen auch nicht ganz rund sein (z. B. die billige und vorhersehbare Instrumentalisierung der Atemwegs-Erkrankung von Valderdes Figur für eine dramatische Zuspitzung). Im Großen und Ganzen aber ein thematisch interessanter, durchaus spannender und manchmal überraschender Psycho-Thriller, bei dem zu keiner Zeit Langeweile aufkommt.

Dafür sorgt neben Eva Green vor allem Jordan Scotts gekonnte Inszenierung. Erstmal geht sie sehr effektiv mit dem Setting der Erzählung um. Es ist schon Shutter Island’esque, wie sie das Internat anlegt: Ein düsterer Ort, der mit einer Schiffsfähre erreichbar ist. Wer einmal ankommt, wird dort bleiben, auch wenn er anderes glaubt. Endstation für die Ausgestoßenen und Zuhauselosen. Ein in sich fast abgeschlossener sozialer Raum, in dem es zwangsläufig anfängt zu brodeln.

Vor allem schaffen Jordan Scott und Kameramann John Mathieson (“Kingdom of Heaven”) phantastische Bilder. Ein fast durchgängig schön anzuschauender Film, dessen Ästhetik aber niemals Selbstzweck ist, sondern die Geschichte und die Stimmungen der Figuren bereichert. Beispielsweise werden geradezu magische(!) Bilder eines ausgelassenes nächtlichen Badens im See kontrastiert mit einem im Filmverlauf aus der Perspektive verschiedener Figuren wiederkehrenden Bild des düsteren, beklemmenden Schulkorridors. Immer wieder pendelt “Cracks” in seiner Bildersprache und Atmosphäre zwischen poetischer Ausgelassenheit und gefängnisartiger Beklemmung. Je nachdem, ob die (de facto eingesperrten) Internats-Bewohner gerade Heimweh und Freiheitsdrang verspüren, oder ob sie ihre Sorgen für einen Moment vergessen wollen.

Ein fast durchgängig hübsch photographierter und inszenierter Film. Man merkt, dass Jordan Scott einiges Gespür hat dafür, Geschichten wirklich filmisch umzusetzen. Da ist noch Potential vorhanden. Man wird von dieser Regisseurin in Zukunft sicherlich noch einiges zu sehen bekommen. Gerne wieder mit Eva Green in der Hauptrolle. Und gerne mit etwas relevanteren Geschichten als die von “Cracks”.


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Thema: Da Laatste dagen van Emma Blank (2009)
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Da laatste dagen van Emma Blank (2009) 08.05.2010 11:07 Forum: Kino

Über den Inhalt der Erzählung soll an dieser Stelle kein Wort verloren werden. Jedes noch so ungenaue Anreissen der Handlung würde zwangsläufig gewisse Überraschungen und Skurrilitäten verraten. "De laatste dagen van Emma Blank" funktioniert am besten, wenn man vorher nichts weiß. Das folgende Review richtet sich daher an jene, die den Film schon gesehen haben. Wer denn Film noch nicht kennt, dürfte mit den folgenden Zeilen, also meiner Interpretation des Films, herzlich wenig anfangen können.

Die Ereignisse im Hause Blank, mögen sie auch skurril und sehr speziell sein, lassen sich lesen als allgemeine Metapher auf die Zwänge und die Unfreiheiten des Individuums im Familienleben. Schöner Kontrast zu den Mainstreamfilmen, welche Familie ständig als Hort der Geborgenheit und Liebe mystifizieren. Vermutlich geht es dem Film aber in erster Linie um etwas anderes. Nämlich darum, dass die Etablierung diktarorischer Strukturen und eisernen Reglements die bestehenden Konflikte und Reibepunkte innerhalb einer Gesellschaft zwar nur eine gewisse Zeit lang deckeln und unterdrücken können, bevor diese wieder ausbrechen.

"De laatste dagen van Emma Blank" ist ein beachtlicher Hybrid aus grotesker Komödie und Drama. Ein Film, der voller komischer, cleverer, manchmal auch schockierender Ideen steckt. Man weiß manchmal nicht, ob man lachen oder erschrocken sein soll. Die irgendwie theatralisch anmutende Beschaffenheit seiner Erzählung gleicht Warmerdam durch geschickten und abwechslungsreichen Umgang mit den Räumlichkeiten des auf ein ländliches Anwesen reduzierten Settings der Erzählung und erschafft so interessante Bewegungs- und Spielräume für seine Figuren.

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Thema: Amorosa Soledad (2009)
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Amorosa Soledad (2009) 08.05.2010 11:04 Forum: Kino

Ein recht sympathischer und herzlicher kleiner Film über eine liebenswerte Hypohonderin und Neurotikerin in einer Art von Quarter Life-Crisis. Nicht genug, dass sie aus zerrüttetem Elternhaus stammt und (wie man später subtil durch die Blume erfährt) ihr Beruf sie nicht ausfüllt und das Geschäft weder rentabel noch zukunftssicher ist. Am Anfang des Films verlässt sie zudem ihr Freund. Zu allem Überfluss häufen sich auch noch Missgeschicke wie zum Beispiel eine kaputte Toilette und ein vergessener Hausschlüssel. Und irgendwie plagt die verletzte, frustrierte junge Frau dauernd das Gefühl, physisch schwer krank zu sein. Jedenfalls schwört sie, nachdem sie am Anfang verlassen wurde, von nun an einsam zu leben, was sie aber nicht wirklich einhalten können wird...


Das ist alles nicht neu, inklusive der Entwicklung und Selbsterkenntnis, welche die Protagonistin durchlaufen wird. Doch "Amorosa Solidad" überzeugt durch angenehme Dezentheit. Ein sehr fein beobachtender kleiner Film, der sich und uns erspart, alles auszuformulieren.

Das Meiste wird in Bildern erzählt, nämlich durch ein Zeigen des Tuns der Protagonistin. Gesprochen wird nicht sonderlich viel. Und wenn gesprochen wird, ist das Gesagte oft hintergründig. Ebenfalls der Humor kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern ist dezent und feinfühlig platziert.

Kein bahnbrechender Film, kein sonderlich wichtiger. Doch einer, der sehr sympathsich ist. Einer, bei dem man oft schmunzeln muss, manchmal auch leicht angerührt ist. Besonders weiß die liebevolle Charakterzeichnung der Protagonistin zu gefallen, die trotz ihrer Ticks Würde und Empathie ausstrahlt.

Das beste an "Amorosa Solidad" ist Inés Efron. Sie spielt großartig, wieder mal. Mehr noch: Inés Efron muss den Film zu weiten Teilen ganz alleine tragen. Schließlich sind viele Sequenzen als reine One Woman Show in einer Wohnung angelegt. Dass das nicht langweilig ist, dass man der Protagonistin gerne dabei zusieht, ist schon eine Leistung.

P.S.: In einer klitzekleinen Nebenrolle ist übrigens der großartige und wunderbare Ricardo Darín zu sehen.

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Thema: Glorious 39 (2009)
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Glorious 39 (2009) 08.05.2010 11:02 Forum: Kino

Dieser Film hat die britische Upper Class im Jahre 1939 als Setting. Teile der dekadenten Aristokratie und politischen Eliten wollen den Status Quo und ihren Lebensstil aufrecht erhalten um jeden Preis. Sie verschwören sich gegen Kriegs-Befürworter und Gegner von Chamberlains Appeasement-Politik. Heimlich und mit brachialen Mitteln wird der Widerstand gegen Appeasement ausgeschaltet. Mitten in diesem Sumpf findet sich die Adoptivtochter eines aristokratischen Parlamentariers wieder, die alsbald zur Zielscheibe wird, den schieren psychischen Horror durchleben muss und sich in der paranoiden Situation wiederfindet, niemandem, nicht mal der eigenen Familie trauen zu können...

Leicht, aber nur ganz leicht fühlt man sich an Verhoevens "Black Book" erinnert. Das war nämlich auch so ein Edel-Trashfilm, der das todernste Sujet "Zweiter Weltkrieg" in einem gelungenen und schamlosen Unterhaltungsfilm verwurschelt hat.

"Glorious 39" kommt nun als Verschwörungs-Thriller und psychologischer Horror daher. Dabei zieht er jedes Register und jede Genre-Konvention. Teilweise wirkt es sogar wie eine Karikatur; als solle das alles eine versteckte Komödie sein. Zu lachen gibt es jedenfalls viel. Wenn mal wieder auf bierernste Weise eine unplausible Wendung oder Entwicklung in der Verschwörungs-Plotte offenbart wird. Wenn Figuren mit ihren Gesichtsausdrücken zehn Meilen gegen den Wind plakatieren, dass sie Böses im Schilde führen. Wenn die alles erstickende Filmmusik vor drohendem Unheil warnt. Wenn kleine Kinder a la "Orphan" oder "Case 39" als undurchschaubare, subtil aggressive Wesen stilisiert werden, die eine erwachsene Protagonistin Angst und Bange werden lassen (eines solcher Kinder steht sogar urplötzlich und wie aus dem Nichts auf einer Wiese neben der Protagonistin, als diese beobachtet wie Tier-Kadaver verbrannt werden -- zum Schießen komisch, wie das Kind plötzlich da steht).

Trotz all dieser augenzwinkernden Elemente (und trotz der selbstironischen Handhabe der gravierenden Drehbuchschwächen) schafft es "Glorious 39" aber seltsamerweise, nicht nur komisch, sondern auch packend zu sein:

Die Atmosphäre der schieren Paranoia, die hier kreiert wird, ist recht phantastisch und weist bisweilen gar surreale Züge auf. Romola Garai gerät in einen krassen Abwärts-Strudel, wird einer Häufung mysteriöser Ereignisse ausgesetzt, dass sie zwischenzeitlich an ihrem eigenen Verstand zweifeln muss. Die Stimmung der allgegenwärtigen Gefahr, der Verfolgung und des Wahnsinns werden prima transportiert. Spannend und packend ist das freilich schon. Der blanke Horror, ohne dass etwas Übersinnliches passiert. An anderen Stellen fühlt man sich sogar an klassische Thriller von Hitchcock erinnert.

Sehenswert ist aber auch der wohl beschissenste Einsatz von Farbfiltern, den wo gibt, um Abendröte vorzutäuschen. Ebenfalls bemerkenswert sind solche Hirnfürze wie die visuelle Parallelisierung von Tier-Massenmorden mit der Judenausrottung, oder Bildmetaphern mit Jugendlichen, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ausgelassen in alten Ruinen rumtoben, etc.

Presse und Publikum scheinen "Glorious 39" falsch zu verstehen. Worte wie "peinlich", "unfreiwillig komisch" und "unlogisch" machen die Runde. Dabei zeigt doch schon die Rahmenhandlung im heutigen London (die beiden alten Männer in ihrer Klischee-Antikwohnung -- ein absolut unwirkliches und komisches Bild), dass der Film nicht sooo ernst genommen werden will wie viele Leute denken. Das ist ein trashiger Psycho-Thriller mit selbstironsichen Elementen. Als Zuschauer sollte man einfach etwas Lässigkeit und Coolness mitbringen, um das Ding zu genießen.

Erwähnen sollte man noch Romola Garais tolle darstellerische Leistung (das Gesicht kam mir übrigens bekannt vor, und nach fünf Minuten fiel es mir wie Schuppen von den Augen: das ist Briony aus "Atonement"). Reizend ist aber auch Juno Temples Schrottplatz-Stimme.

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Thema: Bunny and the Bull (2009)
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Bunny and the Bull (2009) 08.05.2010 10:35 Forum: Kino

Der Vorspann ist toll. Die Kamera fährt eine Wohnung ab, und die Namen von Cast und Crew sind auf diversen (Einrichtungs)-Gegenständen zu lesen: in Kissen gestickt, in Toasts gebrannt, auf einer Zahncreme-Tube gedruckt, auf einem Taschenrechner-Display angezeigt, etc. pp. Klingt langweiliger als es ist. Denn diese Main Title Sequenz ist nicht nur unglaublich ästhetisch, sondern zeugt immer wieder aufs neue von großem Ideenreichtum.

Der Besitzer der vollgestopften Wohnung, welche im Vorspann detailliert gezeigt wird, ist ein Neurotiker und Agoraphobiker. Warum er seine Bude seit einem Jahr nicht verlassen kann und welche schmerzhaften Erinnerungen ihn plagen, wird alsbald anhand einer Rückblende (die fast den gesamten Film ausmacht) gezeigt:

Genauer gesagt ist es keine Rückblende, sondern eine extrem subjektive und verfremdete Erinnerung des Protagonisten an einen Train Trip durch Europa, den er vor einem Jahr mit seinem besten (und wohl einzigen) Kumpel unternommen hat:

Weil er Schwierigkeiten hat, Beziehungen mit Frauen aufrecht zu erhalten, gerade verlassen wurde und unter einem gebrochenem Herzen leidet, bietet sein Kumpel ihm eine Rundreise durch Europa an, um auf andere Gedanken zu kommen. Während dieser Reise wird ein sehr gelungenes Bild der Männerfreundschaft und der Psyche der beiden sehr unterschiedlichen Männer skizziert. Ihre Freundschaft leidet, als sie auf ihrer Reise eine hübsche und exzentrische Spanierin aufgabeln, an der sie beide interessiert sind, nur dass jeder der beiden andere Motive hat.

Die Gründe, warum der Protag sich nach dieser Reise in seiner Wohnung verschanzt hat und fast lebensunfähig geworden ist, werden nach und nach aufgedeckt. Dies geschieht auf emotional durchaus ansprechende Weise, und wird nicht nur durch die Erzählung und die Figuren, sondern vor allem auch durch die formale Gestaltung des Films getragen.

Denn die Visualisierung all dessen ist absolut surreal. Der damalige Trip durch Europa ist in der Erinnerung des Protags total verfremdet: Die Umwelt (also die Bildhintergründe) sind oft animiert oder gezeichnet, Lagerfeuer bestehen aus flatternden Papierstreifen, eine Kirmes mit Karussells aus Uhrwerken, ein Stier aus goldenen Zahnrädern, etc. usw usf.

Das sieht teilweise wirklich grandios aus, und der Film überrascht immer aufs Neue mit erstaunlichen visuellen Ideen. Europa sieht in der Erinnerung des Protags wie ein dunkles, böses Märchen aus. Ebenfalls die Menschen, die ihm und uns auf dem Euro-Trip begegnen, sind in der Erinnerung total unwirkliche, überzeichnete Gestalten.

Zur atmosphärischen Dichte dieser lakonischen Erinnerungsreise tragen auch skurrile Schilder wie "Willkommen nach Deutschland" bei, oder Polen, die irgend etwas sprechen, aber sicherlich kein polnisch.

Der gesamte Film besteht wirklich auf allen Ebenen aus einer stark subjektiv verfremdeten Erinnerung eines seelisch kranken Mannes, was so weit geht, dass man sich als Zuschauer nie sicher sein kann ob der Richtigkeit der Ereignisse, die auf dieser Reise geschehen sind.

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Thema: Tormented (2009)
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Tormented (2009) 08.05.2010 10:23 Forum: Kino

Vor einiger Zeit habe ich bei "Sorority Row" bemängelt, dass er es trotz offensichtlicher Versuche nicht schafft, eine Mischung aus Teen-Slaher und gehobener Seifenoper a la "Gossip Girl" zu sein.


Der britische "Tormented" schafft nun genau das. Eine Mischung aus britischer Schul-Komödie auf dem Niveau von "Girls of St. Trinian's", Teen-Slaher, Geisterfilm und vor allem weit gefächtertes seichtes Drama über schülerische Gruppen-Dynamik und Hyrarchien, Intrigen und Mobbing, Beziehungs-Geflechte und verlogene Schul-Politik auf dem Niveau von "Gossip Girl".

Die krasse Mischung aus Komödie, Drama und Slasher geht auf. Das liegt daran, dass die ganze Erzählung geschickt strukturiert ist und ihre ständigen tonalen Wechsel kompensiert werden durch eine durchgängig grimmige, in morbid kühlen Farben gehaltene Bildgestaltung und gedrückte Atmosphäre.

Das Ergebnis ist durchaus unterhaltsam, wenn auch nicht sonderlich relevant, obwohl Kritik geübt wird an sich nicht um die Schüler, sondern um die Reputation der eigenen Bildungseinrichtung kümmernden Kollegien, ferner der Missbrauch der neuen Medien zum Mobbing skizziert wird schlußendlich die Folgen von (pubertärem) Gruppenzwang, Wegsehen und mangelnder Zivilcourage.

Das sei aber wirklich nur am Rande erwähnt, denn "Tormented" ist primär ein reiner Unterhaltungsfilm. Besonders die verschiedenen Slasher-Einlagen zeugen von Ideenreichtum, auch wenn ihre filmische Ausführung leider wenig realistisch wirkt und Effekte als solche zu leicht zu erkennen sind. Ebenfalls der Humor ist stellenweisen gelungenen (manchmal driftet er aber in unlustige Albernheit ab).

Fazit: Gutes Entertainment, wenn man nach fünf Bier einen leichten, nicht anspruchsvollen und nicht fordernden Unterhaltungsfilm sehen will, aber noch nicht so betrunken ist, dass man neueren Ami-Teenhorror wie "Sorority Row" oder "Prom Night (2009)" goutieren könnte.

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Thema: Ajami (2009)
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03.05.2010 19:53 Forum: Kino

Nein, noch nicht, soviel ich weiß.

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